Wo: Rüterberg, Deutschland
Wann: November 2014

Mit leicht gemischten Gefühlen überqueren wir kurz hinter Hitzacker die Elbe. Hier war bis vor 25 Jahren die Welt zu Ende, zumindest für die Menschen auf der östlichen Seite des Flusses. Unser Ziel ist die ehemalige Dorfrepublik Rüterberg. Hier war bis zur Grenzöffnung im Jahr 1989 nicht nur die DDR-Außengrenze. Das Dorf lag so dicht an einem Teil der Grenze, der von drei Seiten von Niedersachsen umgeben war, dass die Bewohner komplett eingezäunt wurden. Die Rüterberger konnten ihr Dorf nur mit einem Passierschein betreten. Besucher waren nicht erlaubt und nachts wurden alle Tore der Dorfgrenze geschlossen und bewacht.

Zaun Rueterberg (c) spinagel.de

Ein Stück der ehemaligen Dorfumzäunung

Unsere Unterkunft im Ort ist ausgerechnet ein alter Wachturm der ehemaligen Grenzbefestigung. Es ist für uns schwer vorstellbar, dass es vor einigen Jahren noch nicht einmal möglich war, diesen Ort zu besuchen und wir heute in einem ehemaligen Grenzposten wohnen können.

Turm Rueterberg alt

Wachturm vor dem Ausbau zur Ferienwohnung

Der Wachturm ist bei unserer Ankunft kaum als Teil einer Grenzanlage zu erkennen. Grünes Weinlaub hat mit einigen herbstlich-rotbraunen Einsprengseln Besitz von der ehemals tristen Betonhülle ergriffen. Der einstmals gerodete Todesstreifen zwischen Turm und Elbe ist im grünen Band der Elbniederung untergegangen.

Turm Rueterberg (c) spinagel.de

Wachturm heute

Nachdem wir „unseren“ Turm in Besitz genommen haben, stellen wir fest, dass hier mit viel Liebe zum Detail aus einem ehemaligen Instrument der Unterdrückung eine einzigartige Ferienwohnung geworden ist. Im Inneren erinnern nur Kleinigkeiten daran, in was für einem Bauwerk wir uns befinden.

Turm Rueterberg Schiessscharte (c) spinagel.de

Schießscharten

Schießscharten haben sicherlich die wenigsten Ferienunterkünfte. Man kann dadurch aber nicht nur Republikflüchtlinge anpeilen, sie bieten auch morgens, noch im Bett liegend, einen kleinen Ausblick in die umliegende Natur. Besonders angetan sind wir von dem oberen Schlafzimmer. Über den Dächern von Rüterberg bieten Panoramafenster eine herrliche Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen. Sofort fallen uns die bereitgestellten Ferngläser auf, und ohne uns auch nur im Geringsten wie ehemalige Grenzer zu fühlen, beobachten wir die Vogelvielfalt entlang der sanften Biegungen der Elbe vor unserem Grundstück.

Fernglaeser Rueterberg (c) spinagel.de

Ausblick aus dem oberen Schlafzimmer

Das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe ist sicherlich einer der wenigen Profiteure der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die Pflanzen- und Tierwelt konnte sich hier jahrelang gut bewacht ausbreiten.
Ein wenig holt mich die Vergangenheit dann doch wieder ein, als ich die Verhaltensvorschriften der ehemaligen Grenztruppen finde. Bis Ende April 1990 wurde die Dokumentation über den korrekten Umgang mit Staatseigentum akribisch gepflegt.

Richtlinie Rueterberg 2 (c) spinagel.de

Akribisch gepflegte Technische Richtlinie

Die Grenzer werden sich aber in ihren letzten Monaten auf unserem Turm wohl eher auf die Schönheit der umgebenden Natur konzentriert und Pläne geschmiedet haben, was sie sich auf der anderen Seite des Flusses in Zukunft so alles ansehen wollten.

Turm Rueterberg alt 2

Ehemalige Grenzanlage mit Turm

Nach einer ausgiebigen Tour durch Dömitz und die umgebende Landschaft fallen wir müde in unser Bett und beobachten im Liegen den Sternenhimmel. Auf eine Sache freue ich mich schon seitdem ich den Turm gebucht habe: den Sonnenaufgang über der Elbe. Hoffentlich schafft es mein Smartphone, mich aus meinen Träumen zu reißen.

Sonnenaufgang 2 Rueterberg (c) spinagel.de

Morgennebel über der Elbe

Obwohl ich vergessen habe, die Wecker-App auf laut zu stellen, wache ich rechtzeitig vor dem Schauspiel auf. Der Blick aus den Fenstern ist traumhaft. Die weitläufigen Bodennebel lassen in mir den Eindruck einer riesigen Seenlandschaft entstehen. Als die Sonne den ersten rosigen Streifen an den Horizont malt und langsam den Nebel vertreibt, wird mir wieder einmal klar, dass es wie so oft nur darauf ankommt, was man aus manchen Dingen macht. Auch aus einem Teil einer Grenzbefestigung kann ein sehr positiver und einzigartiger Ort werden.

Sonnenaufgang Rueterberg (c) spinagel.de

Sonnenaufgang über Rüterberg

 

Text: Boris Kohnke, November 2014
Fotos: Boris Kohnke, Karin Bailer

Dorfrepublik Rüterberg

22 Jahre war das Dorf Rüterberg, heute ein Ortsteil von Dömitz, komplett von einem Zaun umgeben. Am 24. Oktober 1989 beantragte der Schneidermeister Hans Rasenberger eine offizielle Einwohnerversammlung. Bei der Versammlung am 8. November 1989 werden die natürlich auch anwesenden Vertreter der Staatsmacht nicht schlecht gestaunt haben, als Rasenbergers Manifest, eine Dorfrepublik nach dem Vorbild der Schweizer Urkantone zu gründen, einstimmig von allen 90 anwesenden Einwohnern angenommen wurde. Mit der Dorfrepublik wollten die Einwohner die über 30-jährige Bevormundung durch die DDR-Organe beenden. Die neue Dorfrepublik stieß aber auf keinen großen Widerstand, da am nächsten Tag die Berliner Mauer fiel und damit das Ende der DDR eingeläutet wurde.