Wo: Oldenburg
Wann: Oktober 2015

„Ich habe kaum Netz“, höre ich im Zug einen Mitreisenden klagen, als der Mobilfunk-Empfang gerade zu wünschen übrig lässt. Kaum läuft sein Handygespräch wieder flüssig, fragt er: „Bist du gerade im Netz?“ Nun ist das Internet gemeint. Wahrscheinlich wird er seinen Gesprächspartner gleich bitten, sich online eine spannende Webseite anzugucken. Oder sich in einem der Sozialen Netzwerke einzuloggen, um die neuesten Posts zu kommentieren. Unsichtbare oder virtuelle Netze umgeben uns überall.

Physalis

Meine Oma hätte beim Stichwort „Netz“ wahrscheinlich an ihr Haarnetz gedacht oder an ihr Einkaufsnetz. Ganz physisch und greifbar eben. Fragt man einen Fischer, fällt ihm bestimmt als Erstes sein Fangnetz ein. Ein Botaniker würde antworten: das filigrane Adernetz in den Blättern. Während ich in Oldenburg so durch die Straßen gehe, muss ich unter einem Gerüst hindurch, auf dem Handwerker an der Fassade eines Hauses arbeiten. Damit sie nicht versehentlich auf den Fußweg hinabstürzen, schützt sie – ein Netz.

Krabbenkutter mit Netz

Noch völlig in Gedanken, warum ich in den 80ern diese unmöglichen Netzhandschuhe cool fand und warum jeder heute unbedingt „Networking“ betreiben muss, betrete ich im Landesmuseum Natur und Mensch die Sonderausstellung „Ein Leben in Netzen“. Ein spannendes und anregendes Thema, oder? Da kommen die neuronalen Netze im Gehirn direkt auf Trab.

Netzbrücke

Doch gleich am ersten Exponat klebt ein Hinweisschild. Die letzte Seidenspinne im Ausstellungs-Terrarium ist leider einen Tag vor meinem Besuch gestorben. Was von ihr und ihren Kolleginnen übrig blieb? Natürlich ihre Spinnenetze! Und zusätzlich vier Ei-Kokons, weiße Kugeln an der Terrarium-Decke, von denen sich die Museumleitung erhofft, dass daraus bald der Spinnennachwuchs schlüpft. Noch bis zum 25. Oktober 2015 lenkt die kleine Ausstellung den Blick darauf, wie häufig Netzstrukturen in den unterschiedlichsten Bereichen unseres Lebens vorkommen. Von direkt sichtbaren wie Straßennetze, die besonders nachts und von oben gut zu erkennen sind, wenn Autos und Laternen die Straßen einer Stadt erleuchten, bis zu nur grafisch darstellbaren wie Handelsnetze in der Steinzeit. Vor dem Museum zeigt die Künstlerin Beate Lama ihre Installation aus technischen Schnüren (Foto unten) – ein Mensch, vernetzt aber irgendwie auch verstrickt.

Installation Beate Lama

Was Netze nicht so alles können: verbinden, auffangen, schmücken, schützen. Aber auch festhalten und einfangen. Ein sehr nützliches Prinzip, stelle ich gerade fest, während ich das Teenetz mit den losen Earl-Grey-Blättern aus meiner Tasse fische. Ich tippe die letzten Zeilen dieses Textes in die Tastatur und er kommt mir nun auch schon vor wie eine Art Netz. Ein ganz besonderes Text-Geflecht aus Wörtern und Gedanken. Doch jetzt ab damit. Ins Netz!

Text: Petra Nickisch, Oktober 2015
Fotos: Petra Nickisch, Boris Kohnke

Oldenburg

Unweit vom Museum interessieren mich anschließend die in der Vitrine von Veggiemaid ausgestellten Kuchen und Snacks. Ein ordentlicher Teller Vollkornpasta mit Rosenkohl und Cranberrys wappnet mich für den Oldenburg-Spaziergang. Trotz des nasskalten Tages gefällt mir die Universitätsstadt an den Flüssen Hunte und Haaren auf Anhieb. In der belebten City freut man sich schon auf die Grünkohl-Saison, die am 1. November beginnt. „Kohltour-Hauptstadt“ nennt sich Oldenburg dann. Bis dahin ziehe ich die frischen Waffeln im Kaffee Hamburg vor.