Wo: Norwegen, Oslo
Wann: Mai 2010

Meine erste Minikreuzfahrt geht nach Oslo. Zwei Übernachtungen auf dem Schiff, dazwischen ein Tag und eine Nacht in Norwegens grüner Hauptstadt, die mit viel Wald, moderner Architektur und einem königlichen Schloss lockt.


Donnerstag, 20.05.2010
Kein Lichtstrahl dringt in die Innenkabine der M/S Color Fantasy. Eingerollt in meine Bettdecke liege ich am späten Abend auf unserem Doppelbett. Das Schiff ruckelt leicht, die Klimaanlage rauscht. Um mich herum ist alles dunkel. Im Bauch des Schiffes, mitten auf Deck 10, höre ich nur seine Geräusche und spüre seine sanften Bewegungen. So ähnlich muss ich mich als Embryo im Mutterleib gefühlt haben. Warm, geborgen, voller Vorfreude auf die Ankunft im Leben. Wenn ich mich daran noch erinnern könnte … Im Moment spult mein Kopf jedoch nur die Erlebnisse der vergangen Stunden ab.

13.30 Uhr, wir checken am Kieler Norwegenkai auf der M/S Color Fantasy ein, zusammen mit 1.553 weiteren Passagieren. Das große Gedrängel bleibt zum Glück aus, denn insgesamt haben auf der Luxusfähre bis zu 2.667 Gäste Platz. Alles ganz entspannt. Wir können uns also ausbreiten und haben die Cosmopolitan Bar, in der mein Liebster und ich kurz nach dem Auslaufen um 14 Uhr mit einem Kir Royal und einem Blue Moon anstoßen, fast für uns allein. Selbst die 223 Kronen (knapp 30 Euro), die wir für die beiden Drinks und ein Glas Wasser hinblättern müssen, können unsere gute Urlauberlaune nicht trüben. Mit den hohen Preisen auf der Fähre stimmen wir uns schon mal auf norwegisches Niveau ein, denn an Land wird es bekanntermaßen nicht günstiger.


Aber was soll’s. Ein bisschen Traumschiff-Feeling muss schon sein. Auch wenn wir nur auf dem Weg in den Oslofjord und nicht in die Karibik sind. Doch was heißt hier nur? Immerhin findet in Oslo am kommenden Samstag der Eurovision Song Contest statt, den über 120 Millionen Fernsehzuschauer weltweit verfolgen werden. Und wir sind längst da, bevor die Stars anrollen und Scharen von Journalisten über die Stadt herfallen. Nämlich in genau 20 Stunden, denn so lange dauert die Tour von Kiel nach Oslo, die die norwegische Reederei Color Line täglich aus beiden Richtungen mit zwei Schiffen anbietet.

Bis wir wieder richtig festen Boden unter den Füßen haben, wollen wir aber noch so viel wie möglich auf dem Schiff entdecken. Zehn Decks sind für die Passagiere geöffnet. Wir bummeln über die 163 Meter lange Promenade mit ihren Shops und Restaurants, besuchen die bunte 21-Uhr-Show „Oh what a night“, ignorieren jedoch den Golfsimulator und das Aqualand und lassen den Abend gemütlich in der Observation Lounge, ganz oben auf Deck 15, ausklingen. Viel erlebt, wenig gespart, glücklich eingeschlummert.

Freitag, 21.05.2010
Hei, Oslo, wir sind da. Pünktlich um 10 Uhr legt die Fantasy am Hjortneskaia an. Schwarze Taxis bringen fast alle Besucher in ihre Hotels, die Fahrt in die City dauert nur ein paar Minuten. Unser Clarion Hotel Royal Christiania liegt nah am Bahnhof und hat seine Lobbybar passend zum Eurovision Song Contest kurzerhand in „Euro Café“ umgetauft und mit Luftballons geschmückt. Klar, dass hier im Moment nur die Songs der vergangenen Wettbewerbe gespielt werden, aber bevor wir heute Abend in den Genuss dieser musikalischen Perlen kommen, zieht es uns zurück in den Hafen zum neuen Operahuset.

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Die Dachflächen der erst vor zwei Jahren eröffneten Oper sind für jedermann zugänglich und ein echter Magnet für uns neugierige Touristen. Ihr weißer Marmor strahlt auch an bewölkten Tagen so hell, dass der Tipp aus dem Reiseführer, eine Sonnenbrille für den Aufstieg mitzunehmen, durchaus seine Berechtigung hat. Alle paar Meter eröffnet der schräge Klotz neue Perspektiven auf die Stadt, auf den Fjord und auf sein eigenes Inneres. Unsere Kameras hatten lange nicht so viel zu tun.

Zu Fuß geht es weiter über Oslos Prachtmeile, die Karl Johans gate, zum königlichen Schloss, das von einem kleinen Park mit drei Teichen umgeben ist, an denen Freundinnen und Familien zwanglos im Gras sitzen und klönen. Zum Shoppen lädt Oslo aufgrund der hohen Preise nicht gerade ein, aber auf jeden Fall zum Bummeln. Und eigentlich auch zum Besuch der über 50 Museen, aber wir haben endlich Sommerwetter und darum bringen uns weder Henrik Ibsen noch Edvard Munch noch Alfred Nobel heute dazu, vor Sonnenuntergang länger als nötig einen Fuß in ein geschlossenes Gebäude zu setzen.

In Aker Brygge, dem modernen Restaurant- und Shoppingkomplex mit Blick auf die Bucht Pipervika und das 50er-Jahre-Rathaus (mit den zwei Türmen), ist am frühen Nachmittag schon viel los. Die einen naschen Softeis vom Kiosk, die anderen lassen sich mit Champagner und Langusten verwöhnen. Eine mitgebrachte Flasche Wasser reicht als Erfrischung aber auch, denn auf den hölzernen Stufen sitzt man bequem und kann das Treiben auf der Promenade prima kostenlos beobachten.

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Unser Plan, mit dem Bus oder der Trikk (Straßenbahn) die nächsten Stadtteile zu erkunden, erweist sich schnell als überflüssig. Gerade beim ersten Besuch macht es einem die 580.000-Einwohner-Stadt leicht, ihre Schönheiten im entspannten Spaziergang zu entdecken. So schlendern wir gegen Abend entlang des Flüsschens Akerselva ins In-Viertel Grünerløkka. Rechts und links lagern Studenten am Ufer, wahlweise mit Laptop, aber eher noch mit Einmalgrill und Würstchen bewaffnet. Die Kiste Bier kühlt derweil angeleint im Fluss.

Der witzige Hund auf der Wiese vorm Design- und Architekturzentrum „DogA“ hat dagegen wohl noch keine Leine gesehen. Dafür aber den Rasierer. Obwohl Herrchen lieber baldmöglichst den Hundefriseur wechseln sollte, hat der Kleine richtig Spaß. Er flitzt durch das Gras und ist blitzschnell der Star in seinem neuen Revier. Jeder versucht, ihn zu sich zu locken, das Mädchen auf der Schaukel, die Jungs von der Picknickdecke. Und auch zu uns kommt er schnuppernd an den Tisch, die wir bei einem Glas Rosé und einem Bier (für 18 Euro, das nur nebenbei) auf der Terrasse des „Elvebredden“ sitzen.

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Samstag, 22.05.2010
Nur kein Stress: Frühstücken bis 10.30 Uhr im Hotel, Auschecken bis 12 Uhr. Und dann nur noch über die Straße gehen zum Taxistand. Bis zum Fährterminal ist es ja nicht weit. Dort stehen die Passagiere allerdings schon Schlange und warten ungeduldig, dass sie an Bord können.

13.45 Uhr. Juchhu, wir haben eine Außenkabine mit Tageslicht. Was für ein Unterschied zu unserer doch recht düsteren Innenkabine auf der Hinfahrt. Die 41 Euro Aufschlag sind das völlig andere Reisegefühl ohne Frage wert. Nun können wir durch ein großes rundes Fenster auf das Meer und die Küste sehen – vom Bett aus. Was für ein Luxus.

Abschied nehmen von Oslo, das uns gestern so einen schönen Tag beschert hat, wollen wir aber doch auf dem Sonnendeck. Immerhin scheint die Sonne, aber mit 1.995 Passagieren, die die Rückfahrt nach Kiel antreten, ist die M/S Color Magic doch um einiges voller als ihr Schwesterschiff auf der Hinfahrt. Jeder will heute Mittag den besten Platz an der Reling ergattern und muss dabei noch seinen Plastikbecher mit frisch gezapften Bier balancieren. Bier ist das absolute Lieblingsgetränk an Bord. Während wir oben auf Deck 13 noch der berühmten Skischanze Holmenkollen und den im Oslofjord vorbeiziehenden Inseln mit ihren bunten Sommerhäuschen zuwinken, plündern die ersten Reisenden schon die Dosenbiervorräte im Tax Free Supermarkt auf Deck 6.

Ob sie wissen, dass sie ein trauriger Abend erwartet? Beim Champions-League-Finalspiel Bayern München gegen Inter Mailand, das auf Großbildleinwand vorm Monkey Pub auf der Promenade übertragen wird, sind die meisten Männer jedenfalls ganz still. Kein Gejubel, kein Geschrei. Mit 0:2 unterliegen die Bayern schließlich, das kann so mancher nur mit Alkohol ertragen. Wir dagegen sind heute eher für Salzlakritz und dänische Kartoffelsnacks anfällig. Mit diesem Betthupferl verziehen wir uns aufs Zimmer.

Kann es sein, dass sich an Bord fast alles nur ums Essen, Trinken und Shoppen dreht? Ja.

Sonntag, 23.05.2010
Wie? Schon fast vorbei? Wir sind doch gerade erst losgefahren. Beim Frühstücksbüfett, dass auf dem Schiff bis 9.45 Uhr geöffnet ist, ziehen die Dörfer der Kieler Förde an uns vorbei. Strande, Schilksee, Laboe. Noch ein letzter Schluck aus der Teetasse und dann müssen wir auch schon unsere Taschen holen, denn plangemäß um Punkt 10 Uhr erreicht die M/S Color Magic den Norwegenkai. Dort wartet unser Auto auf dem Parkplatz, wir können es von der Gangway aus sehen. Gleich wird es uns wieder zurück nach Hause bringen, aufgeladen mit wertvollen Erinnerungen an einen erlebnisreichen Kurztrip.

Text: Petra Nickisch – www.lichttexte.de

Die Schiffe

Seit dem 10. Dezember 2004 befährt die M/S Color Fantasy täglich die Route Kiel-Oslo-Kiel. Sie ist mit Platz für 750 Autos und 2.667 Passagieren eines der größten Fährschiffe weltweit. Ihr Schwesterschiff, die M/S Color Magic, hat am 15. September 2007 den Liniendienst zwischen Oslo und Kiel aufgenommen. Beide Schiffe gehören der norwegische Reederei Color Line, die auf insgesamt vier Routen von und nach Norwegen sechs Schiffe betreibt.
www.colorline.de

Das Hotel

Zentral und freundlich. Das Clarion Hotel Royal Christiania wurde 1952 zu den Olympischen Winterspielen in Oslo eröffnet und ist heute Norwegens zweitgrößtes Hotel mit 508 Zimmern. Frisch nach Feng Shui Maßstäben renoviert wirkt es modern und klar. Zum Frühstücksbüfett mit großer Bioecke geht es ins offene Herz des Hauses, dem neun Etagen hohen Atrium.
www.royalchristiania.no