Wo: Hamburg
Wann: Oktober 2014

„Genau solche hatte meine Oma in der Küche“, freue ich mich und versuche, das Fundstück meiner Freundin zu zeigen. Die ist aber schon ins nächste Zimmer gehuscht und hat selbst etwas entdeckt. „Kaum zu glauben, dass man sich so etwas früher an die Wand geklebt hat.“ Höre ich sie aus dem Off sagen. Wir fühlen uns in die Vergangenheit zurückversetzt. In eine Zeit, in der Moosgrün, Bahamabeige, Bermudablau und das unvergessene schweinchenrosafarbene Magnolia Einzug in die Keramikabteilungen unserer Wohnungen gehalten haben.

Rosa Badewanne (c) spinagel.de
Gemeinsam überlegen wir, wie viel man uns bieten muss, damit wir eines unserer Bäder so fliesen, wie wir es gerade vor uns sehen. Wir sind uns einig, dass es schon sehr viel Geld sein müsste, um uns die alten Designs und vor allen Dingen die psychedelischen Farben schmackhaft zu machen. Doch je mehr wir lästern, desto größer wird auch unser Spaß an den Fundstücken und den damit verbundenen Erinnerungen.

Abzieher (c) spinagel.de

In einem der kleinsten Museen Hamburgs hat sich die Familie Schittek einen Traum erfüllt und präsentiert ein paar ihrer Schätze der Allgemeinheit. In ersten Stock des Fliesenhandels werden die Sanitärträume der 60er- bis 80er-Jahre wieder lebendig. Man erfährt einiges über die Geschichte des keramischen Wand- und Bodenbelags, sieht zeitgenössische Werkzeuge und kann in alten Fliesenkatalogen die Wunschbadezimmer unserer Eltern und Großeltern begutachten. Neben kompletten Bädern findet der Besucher wunderschöne Jugendstilfliesen und eine Sammlung alter Dokumente.

Alte Badewanne (c) spinagel.de

Hinter der nächsten Tür entdecke ich das Badezimmer meiner Eltern aus dem Jahr 1976. Moosgrüne Keramik, schrill-grüne Wandfliesen mit Blumenmuster und eine in Aluminium gefasste Plexiglas-Duschabtrennung. Das war damals der letzte Schrei. Heute würde dieses Bad bei mir nur dafür sorgen, dass ich morgens schon vor dem ersten Kaffee schlagartig hellwach wäre.

Grünes Badezimmer (c) spinagel.de

Während wir im ersten Stock jede Ecke erkunden, stehen unten Handwerker und Privatpersonen am großen Tresen und hoffen inständig, dass noch eine ausreichende Menge von genau der alten Fliese vorrätig ist, die sie gerade benötigen. Auf der anderen Seite des Tresens sieht es aus wie früher in einem Schallplattenladen. Auf großen Tischen sind die Fliesen hochkant gestapelt und nach Art und Farbe sortiert. Die Mitarbeiter blättern in ihrem Archiv und können den Kunden in fast drei Viertel aller Fälle in das Lager auf der gegenüberliegenden Seite schicken, um dort die gewünschten Keramikplatten in Empfang zu nehmen.

Fliesen (c) spinagel.de

Wer selbst einmal in alten Erinnerungen schwelgen möchte, kann dies werktags zwischen 7 und 17 Uhr im Winsener Stieg 1a, in Hamburg machen. Der Eintritt ist frei.

Text und Fotos: Boris Kohnke

Fliesenhandel

Im Museum der Firma Schittek im Hamburger Stadtteil Sinstorf findet wahrscheinlich jeder eine alte Bekannte aus quadratischer Keramik. Seit über 30 Jahren beschäftigten sich erst Konrad Schittek und nun auch seine Söhne Jan und Felix damit, dem Wahlspruch ihrer Firma „Für alles gibt es hier Ersatz“ gerecht zu werden. Gut 70 Prozent der angefragten, bis zu hundert Jahre alten Fliesen sind ab Lager vorrätig. Angefangen hat der Firmengründer damit, Fliesen, die nicht mehr im Handel erhältlich waren, nachzumalen, bevor er sich zusätzlich die häufig nachgefragten Sorten in sein Lager gelegt hat. Heute lagern auf 4.000 Quadratmetern gut 6.500 Paletten mit Fliesen der letzten einhundert Jahre.

www.fliesenhandel-schittek.de