Wo: Flensburg
Wann: September 2015

Freitag kurz vor 19 Uhr, wir stehen dicht gedrängt im Büro der ehemaligen Tankstelle und üben uns im Wettgrinsen. An der einzigen Deko in dem kleinen Raum, einem Regal voller weißer Motorradhelme, kann es eigentlich nicht liegen, auch nicht daran, dass jeder einen achtseitigen Vertrag in der Hand hat. Der Vertrag ist Nebensache, den liest sowieso keiner. Ich hab eben unterschrieben, dass ich eine Waschmaschine gekauft habe? Egal! Gib mir einen Helm, der mir passt. Ich will los, das mit der Waschmaschine klären wir später.

Mini Hotrod in Flensburg

Flugs einen passenden Helm ausgesucht und raus geht’s zu dem Objekt der Begierde. Ordentlich aufgereiht stehen sieben Hotrods vor der Tür, damit geht es gleich auf eine Tour durch das abendliche Flensburg. Neben dem Auto stutze ich dann doch ein wenig, die Mini-Hotrods sind nur gut 2 Meter lang und der Fußraum sieht doch arg kurz aus Ob da meine fast 2 Meter Gesamtlänge überhaupt reinpassen? Mit ein wenig Zusammenfalten geht das dann doch ganz ordentlich. Das linke Knie so am Lenkrad vorbeischlängeln, dass man gleichzeitig bremsen und lenken kann geht nur, wenn das Knie unter den oberen Rand des Chassis geklemmt wird. Vorsichtig drehen wir zwei Runden auf dem gepflasterten Platz, bevor wir uns für die letzten Instruktionen unseres Guides nebeneinander aufstellen.

Start der Hotrod-Tour

Dann wird es Ernst. Im Konvoi biegen wir auf den Ochsenweg ab. Die Hotrods vor mir knattern munter los und verströmen den Duft von Benzin und Abenteuer. Also gebe auch ich Vollgas und die 14 Pferde direkt unter mir treten an. Ein Gefühl, als ob es mindestens 100 wären. Kurz darauf kommt das erste Straßenschild, 50 dürfen es hier maximal sein, da bin ich doch auf jeden Fall drüber. Ein kurzer Blick auf den Tacho verrät, dass es sich zwar anfühlt wie 80 km/h, es in Wirklichkeit aber erst knapp 40 sind. Was ein ungefedertes Fahrwerk und eine Sitzposition 5 cm über dem Asphalt doch vortäuschen können.
Kurz danach überfahre ich einen Gullydeckel und stelle schmerzhaft fest, dass keine Federung auch bedeutet, dass jede Unebenheit sich direkt bemerkbar macht. In meinem Fall auch als Schlag auf mein linkes Knie. Ich bringe, soweit es möglich ist, etwas Abstand zwischen mein Knie und das mich eng umschließende Fahrzeug. Jetzt machen sogar kurze Kopfsteinpflasterstrecken Spaß.

Nachdem ich mich erst einmal in meiner motorisierten zweiten Haut eingerichtet habe, kann ich mich auch ein wenig auf das abendliche Flensburg konzentrieren, Richtung Förde und am Hafen entlang. Flensburg ist auch aus der Froschperspektive eine sehr nette Stadt.
An der nächsten Ampel werden mir die Dimensionen meines Gefährts wieder sehr deutlich, ich kann mit der Hand auf die Straße fassen und die M-Klasse neben mir zeigt mir ihre Radläufe auf Augenhöhe und wirkt wie ein LKW.

Mini Hotrod in Flensburg

Die M-Klasse rollt langsam ein Stück weiter und zwei blonde Frauen schauen etwas ungläubig, aber sichtlich begeistert aus ihren Fenstern nach unten auf uns und unsere kleinen Knallerbsen. Wir sind auf jeden Fall der Hingucker. Nach einem Ferrari oder Lamborghini würden sich nicht so viele Autofahrer und Fußgänger umdrehen. Einige winken uns sogar begeistert zu. Die sind bestimmt bald auch mit einem Miet-Hotrod in Flensburg unterwegs.

Hotrods an der Ampel

Beim Abbiegen kann man perfekt den drängelnden normalen Autos entkommen. Die Kombination aus direkter Lenkung und dem Hotrod-Fahrwerk sind ganz großes Kino. Bremsen? Warum? Beherzt das Lenkrad einschlagen und Gas geben. Abbiegen mit 50 km/h ist kein Problem. Mir treibt es das Grinsen ins Gesicht und der Fahrer im Auto hinter mir staunt noch während er seine Gänge sortiert und versucht, mich wieder einzuholen.

Mini Hotrod von Wenckstern

Langsam erreichen wir den Stadtrand von Flensburg, in Wassersleben können wir einmal richtig Gas geben. 80 zeigt das Tacho, eine Wahnsinnsgeschwindigkeit. Bei Vollmond mit unseren kleinen Hotrods die Alleen entlangzuknattern ist schon ein tolles Erlebnis. Kurz danach wird es noch einmal Ernst. Da eine Straße gesperrt ist, müssen wir kurz auf die Autobahn. Auch das macht Spaß, obwohl uns alle anderen Autos überholen. Die nächste Abfahrt ist aber schon unsere und eine Stunde nachdem wir losgefahren sind, landen wir wieder im Ochsenweg 75, wo wir uns von den kleinen, weißen Flitzern trennen müssen. Erstes Thema nach dem Aussteigen: Wann treffen wir uns zur nächsten Runde?

Text: Boris Kohnke, August 2015
Fotos: Boris Kohnke

Die Väter der irren Kisten

Als Kind hat man Seifenkisten gebaut und sich todesmutig die enormen Hügel der norddeutschen Tiefebene heruntergestürzt. Wer technisch etwas bewandert war, hat in sein Kettcar einen Rasenmähermotor eingebaut und war damit unabhängig von einer geeigneten Rampe. Dieses ganz große Abenteuer ist aber schnell in Vergessenheit geraten, als man die ersten Fahrzeuge legal im Straßenverkehr bewegen durften.
Die Idee von den kleinen Flitzern haben Maik Wenckstern und sein Bruder also wohl schon lange mit sich herumgetragen. Den Traum aller großen Kinder haben sie sich 2009 erfüllt. Nach knapp zwei Jahren Entwicklungsarbeit und dem einen oder anderen Rückschag hatte der erste Mini-Hotrod eine Straßenzulassung. Inzwischen sind in der Wenckstern Manufaktur in Norderstedt, nördlich von Hamburg, über 200 der kleinen Spaßmobile entstanden. Die technischen Daten klingen erst einmal unspektakulär: Aus 150 Kubikzentimer bringt der kleine Einzylinder 13,6 PS an die Hinterachse und erreicht damit maximal 88 Stundenkilometer. Das ändert sich nach dem Einsteigen ganz schnell, die Beschleunigung fühlt sich eher nach über 100 PS an und mit 45 Sachen durch die Stadt zu cruisen, könnte dem Gefühl nach auch als 80 durchgehen.

Wer selbst einmal ausprobieren möchte, wie viel Spaß eine Runde in den Mini-Hotrods macht, kann das in vielen deutschen Städten selbst probieren, u. a. Hamburg, Flensburg, Goslar, Essen, Aachen, Wiesbaden oder aber auf Ibiza, Sylt oder Mallorca, bei einer geführten Tour mit einer Mietseifenkiste.