Wo: Deutschland, Glückstadt
Wann: April 2013

„Auf ein Matjes-Brötchen kommen doch normalerweise Zwiebeln, oder?“, fragte mich meine Mutter leicht irritiert. Sie hatte den ersten hungrigen Bissen schon hinter sich. Verführerisch glänzender Fisch, knuspriges Brötchen, frische Saltatbeilage – bis dahin stimmte alles. Aber die erwartete Kombi aus scharf und mild, weich und knackig stellte sich im Mund einfach nicht ein.

An einem sonnigen April-Samstag waren wir mit dem Zug nach Glückstadt gefahren, in die Matjes-Hauptstadt, wie ich ihr versicherte. Morgens starteten wir in Hamburg-Altona und sollten schon 34 Minuten später in der kleinen, von den Niederländern beeinflussten Stadt an der Elbe sein. Doch es gab Verzögerungen, die Bahn baute mal wieder an der Strecke und wir mussten unseren Appetit auf in Salzlake eingelegten Hering noch eine halbe Stunde länger im Zaum halten.

Am Bahnhof angekommen, konnten wir am Glückwerk, gleich hinter den Gleisen, trotzdem nicht vorbeigehen. Ein bisschen Gartendeko, ein paar Bücher, Feinkost, Wohnaccessoires … ein tpyischer Frauenladen eben. Und gleichfalls ein kleines Café, in dem der Cappuccino auf hölzernen „Untertassen“ serviert wird. Zauberhaft! Gestärkt durch ein paar Kekse traten wir den Weg über den historischen Marktplatz zum Hafen an.

Dass die Stadt vom Dänen-König Christian IV. im Jahr 1617 gegründet und nach dem Vorbild einer italienischen Renaissance-Stadt entworfen wurde, erfuhren wir dort von einigen Infotafeln. Von der hübschen Häuserzeile am Wasser und dem guten Wetter ließen wir uns glatt davon ablenken, gleich zu unserem geplanten Fischbrötchen einzukehren, obwohl das Bistro Nettchen direkt an den hölzernen Hafentreppen sehr einladend aussah.

Uns zog es noch weiter. Es lockte die Elbe. Und ein endlich schneefreier Spaziergang auf dem Deich, mit Blick auf die Elbfähre nach Wischhafen. Nur unser Zeitplan und das ersehnte Matjes-Brötchen trieben uns nach einer Weile zurück in die Stadt. Im niedlichen Hafencafé Brückenhaus sollte es bald vor uns auf dem Tisch stehen. Doch so ganz ohne Zwiebeln? „Oh je, die habe ich vergessen, wie peinlich“, entschuldigte sich die Bedienung. Schnell holte sie aus der Küche ein Schälchen mit Zwiebelringen.

Wir mussten grinsen. Ausgerechnet das Ziel unseres Ausflugs, die kulinarische Attraktion des Ortes, wurde uns heute nicht komplett serviert. Dafür haben wir etwas anderes hinzugewonnen: die Erkenntnis, dass Glückstadt noch mehr zu bieten hat als seine viel beworbenen, fast immer perfekten Matjes-Brötchen.

Petra Nickisch – www.lichttexte.de

Matjeswochen

Jedes Jahr im Juni feiert Glückstadt seine Matjeswochen. Das große Sommerfest zur Eröffnung der Matjes-Saison steigt im nächsten Jahr vom 12. bis 15.06.2014. Gefeiert wird mit viel Livemusik, Matjesproben, Open-Ship-Meile und dem traditionellen Quietscheentchen-Rennen auf dem Süderfleth.