Wo: Frankreich, Marseille
Wann: Juni 2013

Eric und ich verstehen uns. Er spricht zwar weder deutsch noch englisch, ich verstehe so gut wie kein Französisch. Doch manchmal reicht es, wenn jeder in seiner Sprache redet und die Aussagen mit Gesten und einem Augenzwinkern untermalt. Nach wenigen Sekunden haben wir uns aufeinander eingeschossen und ich erwarte die Erklärung der Besonderheiten unserer Ferienwohnung im Stadtteil Bonneveine.

Bevor Eric uns seine Ferienwohnung erklärt, kommt der unvermeidliche Teil mit dem schlechten Ruf von Marseille. Die Kalaschnikow können wir zu Hause lassen, wenn wir nicht vorhätten mit Drogen zu handeln und ja, man kann das Auto einfach vor der Tür stehen lassen. Nur wenn wir das iPhone über Nacht auf den Fahrersitz legen wollen, dann sollten wir doch lieber die Türen nicht abschließen, wegen des zu erwartenden Glasbruchs. Dass Eric alles etwas witzig darstellt, bekomme ich auch ohne Französischkenntnisse mit. Ernst wird er nur, als es um den Ruf von Marseille geht, der offensichtlich die Tatsachen um einiges ins Negative übertrumpft.

Wie sich nachher herausstellt, habe ich das ein oder anderen nicht ganz richtig verstanden, es ist immer gut, wenn zur Sicherheit doch noch die Freundin dabei ist, die die Sprache versteht. Eric und ich waren uns aber trotzdem immer einig: „Oui, oui“ und „très bon“ mit freundlichem Schulterklopfen haben für eine niedrige Sprachbarriere gesorgt und die kleinen Missverständnisse waren nicht wirklich entscheidend.

Die Einleitung unseres Gastgebers lässt mich an die Kommentare unserer Freunde und Verwandten zu unserem diesjährigen Sommerziel denken. Marseille – seid ihr euch sicher, dass ihr dort hinfahren wollt? Dann sind doch gleich euer Auto, eure Kameras und weiß der Geier was sonst noch am ersten Tag weg oder ihr werdet gleich erschossen.

 

Marseille 1

Zum Glück haben wir uns nicht verunsichern lassen. Marseille ist nicht nur die Europäische Kulturhauptstadt 2013, offensichtlich hat sich in den letzten Jahren auch viel geändert, was in der Vergangenheit zum schlechten Ruf von Marseille beigetragen hat. Abgesehen von einem kleinen Abstecher in das arabische Viertel rund um den Cours Julien hatten wir nie das Gefühl, das es dort nicht sicher ist.

Wie in fast jeder Großstadt weltweit gibt es auch in Marseille Viertel, in denen man besser vorsichtig ist. Nur viel schlimmer als in einigen Ecken von Hamburg oder Kopenhagen geht es in Marseille auch nicht zu.

Marseille 2

Der südöstliche Teil von Marseille mit seinen Stadtstränden vom Plage du Prado bis zum Pointe Rouge erinnert ein wenig an englische Bäder. Bars und Restaurants entlang der Küstenlinie, buntes Treiben, gemischt aus Einheimischen und Touristen. Nur das Wetter ist hier deutlich besser. In der warmen Jahreszeit (Juni bis September) ist es selten unter 30 °C. Trotzdem ist es sehr erträglich, da immer ein kühlender Wind über das Meer weht.

Marseille 3

Die erste Erkundungstour führt mit dem 19er- und dem 83er-Bus mitten ins Herz der quirligen Metropole, dem Vieux Port (Alter Hafen). Dort treffen wir einheimische Fischer mit löchrigem Ölzeug, die ihren Fang direkt vor dem verspiegelten Schattenspender des Stararchitekten Norman Foster und neben den Jachten der Superreichen verkaufen. Marseille ist eine Stadt der Gegensätze, in der aber allen genug Raum zum Leben gelassen wird.

Marseille 4

Wer die 8 Euro Eintritt für die neueste kulturelle Attraktion, das MuCEM (Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée) nicht ausgeben kann oder will, kommt trotzdem auf das Gelände und kann sich einen Teil der Ausstellung ansehen. Berührungsängste gibt es hier nicht, neben dem MuCEM schwimmen Jugendliche im Hafenbecken und sonnen sich danach direkt unterhalb des Hauptzuganges. Ein skurriles Bild, das den lockeren mediterranen Charme der zweitgrößten französischen Stadt eindrucksvoll wiedergibt.

 Marseille 5

Sogar die Bewohner des Arbeiterstadtteils Le Panier, einer der ärmsten Gegenden von ganz Frankreich, haben sich inzwischen, nach anfänglichen Protesten, an die immer wiederkehrende, etwas nervige Touristen-Bimmelbahn angepasst, sie servieren den Sehleuten der großen Kreuzfahrtschiffe Pastis oder bieten das einen überall verfolgende Mitbringsel der Stadt, die „Savon de Marseille“, an.

Mit einem hat uns Eric, unser Gastgeber, dann doch etwas reingeritten. In seiner Ferienwohnung steht eine Nespresso-Kaffeemaschine, die ohne die passende Kaffee-Munition natürlich wertlos ist. Dieser Umstand bescherte uns einen Besuch im örtlichen Nespresso-Shop, um uns mit den nötigen Kapseln zu versorgen. Eine Dreiviertelstunde mit den braungebrannten, rolexbewehrten Seglern aus dem Jachthafen anstehen, das passt dann doch nicht so ganz zum lockeren Charme von Marseille. Ganz abgesehen davon, dass Nespresso für mich trotz aller erfolgreicher Marketingstrategien noch immer nicht das Image und den Geschmack des guten alten gefriergetrockneten Nescafé-Kaffeepulvers abgelegt hat.

Vor der Tür haben wir das aber schnell wieder vergessen und reiben uns verwundert die Augen. Irgendetwas stimmt doch mit dem Palais de la Bourse nicht. Richtig, dass die Straße durch das Gebäude geht ist nur eine groß angelegte optische Täuschung. Die komplette Fassade des Hauses ist bemalt und verwirrt fast alle Besucher auf den ersten Blick.

Marseille 7

Etliche Höhenmeter über dem Vieux Port ist aus allen Winkeln von Marseille die imposante Kirche Notre-Dame de la Garde zu sehen. Hoch über der Stadt thront sie auf einem 147 m hohen Kalkfelsen. Der Blick auf die gewaltige goldene Marienstatue an der Spitze des Bauwerks, die den Seefahrern früher signalisierte, dass sie wieder in sicheren Heimatgewässern waren und vor allen Dingen der atemberaubende Blick über Marseille, von den Calanques im Osten bis zum Autobahntunnel im Norden, lässt uns alle Anstrengungen des Aufstiegs vergessen.

Das Innere der Kirche ist mit den zahllosen Votivtafeln und maritimen Details, wie Rettungsringen und Schiffsminiaturen, einzigartig. Auf unzähligen Gemälden, die Gläubige nach ihrer Rettung oder Genesung der Kirche spendeten, kann man hautnah die Schicksale der Menschen aus den vergangenen Jahrzehnten nachvollziehen.

Marseille 6

Als wir abends nach Hause kommen und ich mein Auto in einer Seitenstraße direkt vor dem Fenster eines Pizzalieferdienstes parke, kommt etwas hektisch der Besitzer zu mir und redet auf mich ein. Ich versuche zu ergründen, ob ich zu dicht vor seinem Fenster stehe. Nachdem er seine Mülltonne um mein Auto gefahren hat und sein Auto noch 20 cm vorfährt wird mir klar, er hat kein Problem damit, dass ich hier parke: Heute Nacht kommt der Müllwagen und ich muss ganz dicht vor sein Fenster fahren, damit ich morgen noch einen Außenspiegel habe. Von dieser Hilfsbereitschaft können sich einige Leute in Deutschland noch eine dicke Scheibe abschneiden. Seit diesem Abend gibt es jeden Morgen auf dem Weg zum Bäcker erst einmal ein kurze Begrüßung. Ich verstehe den Pizzachef genau so wenig wie Eric am ersten Tag, aber menschlich passt es auch hier wieder erstaunlich gut. Als wir zwei Tage später noch einmal hungrig, auf der Suche nach einer leckeren Pizza hereinschneien, wird mir gleich die Pizza Arménienne (seine Spezialität mit Hackfleisch, frischer Minze und Zitrone) empfohlen, dazu gibt es noch eine kalte Flasche Rosé aufs Haus.

Als uns Eric am letzten Tag fragt, wie es uns gefallen hat, grinse ich zufrieden und lasse lieber meine Freundin reden. Nicht, dass es hier am Ende doch noch zu Missverständnissen kommt. Marseille hat uns rundum gefallen und wir kommen bestimmt wieder.

Pastis

Pastis gehört zu Marseille wie die Seife „Savon de Marseille“. Der Anisschnaps wurde aufgrund seines Anetholgehaltes zusammen mit dem Absinth verboten, ist aber zum Glück seit 1922 in Frankreich wieder legal erhältlich. Pastis wird traditionell mit Eis und 5 – 6 Teilen Wasser getrunken. Durch den Wasserzusatz wird das zugesetzte Anisöl teilweise unlöslich und der klare Pastis wird trübe. Im Sommer ist Pastis mit viel Wasser eine herrliche Erfrischung.