Wo: Amrum
Wann: 25.01.2014

Es ist kurz nach acht Uhr abends. Ich stehe in 6 Meter blaukarierten Stoff gewickelt mit zwei Freunden unter einer Espressomaschine, einem Bikinioberteil und einem englischen Nummernschild und frage mich, wo meine Hosentaschen geblieben sind.

Was mache ich hier? Richtig, heute ist der Abend, auf den ich mich ein ganzes Jahr lang gefreut habe: der 25. Januar, Geburtstag des schottischen Dichters und Nationalhelden Robert Burns, alljährlich von den Schotten und ihren Freunden als „Burns Night“ mit viel Brimborium gefeiert.

Darauf erst einmal einen Jim McEwans Symphony No. 1 Islay Blend. Die Geburt eines Schotten muss mit einem Whisky begossen werden. Besser gleich mit mehreren, darum sollen auf den Symphony No. 1 im Laufe des Abends noch 12 Whiskys folgen.

Im Kilt in der Blauen Maus

Bild: Kinka Tadsen

„Burns Night“ und Whiskytasting – heute ist der Höhepunkt meines persönlichen Whiskykalenders. Ich bin auf Amrum, in der Blauen Maus, einer der besten Bars in Deutschland, wenn es um schottischen Whisky geht. Janny Maus (eigentlich Jan von der Weppen) bringt hier seit 1970 allen Interessierten eines der spannendsten Getränke weltweit näher, den schottischen Whisky. Und seitdem wir hier letztes Jahr den Geburtstag des schottischen Nationalhelden gefeiert haben, wusste ich, dass ich heute wieder an einem seiner Tische sitzen werde.

Janny Maus Robert Burns Night 2014 (c) spinagel.de

Janny taucht hinter der Bar auf, vor sich eine imposante Kollektion Single-Malt-Flaschen. Sein kurzer Abriss der schottischen Tradition und dem daraus folgenden Verlauf des Abends entlockt meinem linken Nachbarn den Kommentar: „Vor ein paar hundert Jahren kamen die Wikinger nach Amrum, jetzt kommen die Schotten. Was das wohl gibt?“ Ich bin fest davon überzeugt, dass die Schotten viele gute Traditionen auf der norddeutschen Insel hinterlassen werden, wir müssen nur ein paar Jahrhunderte durchhalten. Heute sind wir auf jeden Fall mit gut 30 weiteren Amrumern dabei, die schottischen Traditionen im lokalen Brauchtum zu verankern.

Im schottischen Alloway wurde am 25. Januar 1759 mit der Geburt von Robert Burns der Grundstein für unsere heutige Zusammenkunft gelegt. Der Lyriker verfasste viele seiner Gedichte und Lieder in Scots, einem Dialekt, den ich auch trotz recht guter Sprachkenntnisse nicht annähernd verstehe. Für einen Künstler führte Robert Burns ein recht normales Leben mit vielen Liebschaften, langer Erfolglosigkeit, zu viel Whisky und einem unpassenden Job als Steuereintreiber. Einige seiner Werke sind immer noch bekannt, so ist sein erfolgreichstes Lied „Auld lang Syne“ beispielsweise zum Abschiedslied der internationalen Pfadfinderbewegung geworden. Schotten, Exil-Schotten und viele, die sich wie wir mit Schottland verbunden fühlen, feiern heute weltweit mit dem „Burns Supper“ ihren schottischen Nationalhelden.

Robert Burns Night 2014 (c) spinagel.de
Während wir einen Kilkerran in unseren Drams schwenken, verschwindet Janny in der Küche, um das Essen vorzubereiten. Hauptgang bei diesem „Burns Supper“ ist die Königin der Würste, besser bekannt als Haggis. Aus was genau das schottische Nationalgericht Haggis besteht, findet ihr rechts im grünen Kasten. Ich empfehle allen, die diese Spezialität probieren möchten: erst kosten, dann Kasten lesen! Sonst könnte man ein paar Vorurteile gegenüber diesem leckeren Essen haben und nur unmotiviert darin herumstochern.

Jörg Bernkopf Robert Burns Night 2014 (c) spinagel.de
Der Haggis wird traditionell reingepfiffen. Dieses Jahr begleitet Jörg der Piper mit seinem Dudelsack den Einmarsch der Hauptspeise. Angekommen in der Mitte der freudig wartenden Runde wird die Königin der Würste vom Hausherren zu einer Rezitation des Gedichts „The Address to a Haggis“ an genau der richtigen Stelle in der dritten Strophe (cut you up wi’ ready slight) aufgeschnitten und dann kann das Festmahl beginnen. Die klassischen Beilagen neeps and tatties (Rüben und Kartoffeln) und viel flüssige Butter sind natürlich auch mit von der Partie.

Haggis (c) spinagel.de

Mit einer ordentlichen Portion Haggis auf dem Teller geht es an die große, mit schottischen Accessoires geschmückte Tafel. Beim Hinsetzen merke ich, dass es sich irgendwie anders anfühlt als sonst. Stimmt, da war noch etwas. Der Schotte und auch diejenigen, die diesen Tag stilecht begehen wollen, tragen einen Kilt. In unserem Fall ist es ein belted plaid, der ist sogar beim Anziehen schon anstrengend. Aus 6 Metern Stoff einen Kilt zu falten, das mache ich auch nicht jeden Tag. Aber das ist eine der nächsten Geschichten auf Spinagel.

Die Mädels auf der anderen Seite des Tisches können das mit dem Hinsetzen irgendwie besser, aber die haben wahrscheinlich auch deutlich mehr Erfahrung mit Röcken. Beim zweiten Haggis-Nachschlag klappt alles ohne langes Zurechtrücken. Es ist so, als hätte ich schon immer mit Kilt und Jakobiterhemd an schottischen Tafeln Platz genommen. Sicherlich hilft beim fließenden Einparken am großen Tisch auch die Robert Burns Edition des Isle of Arran ein wenig, die es jetzt gibt.

Whiskys (c) spinagel.de
Nach dem Essen ist endlich etwas Zeit, die Dekoration genauer unter die Lupe zu nehmen. Jeder Besuch in der Blauen Maus stärkt meinen Eindruck, dass Generationen von Strandgutsammlern, Walfängern und Weltreisenden schräge Fundstücke aus allen Himmelsrichtungen zusammengetragen haben, um sie hier unter die Decke zu schrauben oder an die Wand zu hängen und so für die Nachwelt zu erhalten. In welcher Bar findet man sonst eine Espressomaschine, einen Außenbordmotor, unzählige Schilder aus aller Welt, exotische Fische und Holzschuhe unter der Decke? Jedes Mal entdecke ich neue Skurrilitäten, die ich vorher noch nicht gesehen hatte.

Blaue Maus Amrum (c) spinagel.de
Als es später bei einem Tullibardine  etwas ruhiger wird, setzt sich Janny zu uns und erzählt von seinen unzähligen Erlebnissen aus Schottland, die fast alle etwas mit uisge beatha, dem Lebenswasser zu tun haben. Uns ist für dieses Getränk die Bezeichnung Whisky geläufiger. Nachdem wir den letzten Whisky des Abends, einen Peat’s Beast getrunken haben, sind wir uns alle einig: Robert Burns wäre stolz auf diese kleine Kolonie Amrumer Schotten.

Text: Boris Kohnke
Fotos: Kinka Tadsen (1), Boris Kohnke (6)

Haggis

Ursprünglich haben die Römer dieses Gericht erfunden: gekochte Innereien im Tiermagen. Die Schotten haben die Zubereitung aber perfektioniert. Eigentlich ist dieses Rezept erdacht worden, um die schnell verderblichen Innereien nach dem Schlachten länger haltbar zu machen. Heutzutage gilt Haggis bei vielen Schotten als Spezialität, wird aber auch in schottischen Fast-Food-Restaurants mit Pommes Frites serviert. Der Haggis besteht aus einem mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett, Zwiebeln und Hafermehl gefüllten Schafsmagen. Er wird scharf mit Pfeffer gewürzt und mit viel Butter, Kartoffeln und Rüben gegessen. Wer nach diesem Text keinen Haggis mehr probieren möchte, ist selbst Schuld. Der Geschmack lässt nämlich kaum etwas von den Zutaten erahnen.